In Gabriel Martins’ Film „Vicentina“ führt die Trauer einer Mutter sie von Tür zu Tür. Vicentinas Sohn fuhr einen Bus, der von einem Viadukt stürzte und ihn sowie fast alle Fahrgäste das Leben kostete. Obwohl es keine Beweise dafür gibt, dass er den Unfall verursacht hat, stellt die Polizei seine Verantwortung infrage, während die Fernsehberichterstattung den Verdacht verstärkt. Vicentina, die einen großen Teil ihrer Zeit damit verbringt, die Nachrichten zu verfolgen, gibt sich zunehmend selbst die Schuld und macht sich auf den Weg, um sich im Namen ihres Sohnes bei den Familien der Opfer zu entschuldigen.

Die Besuche lösen sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Manche heißen sie willkommen und teilen ihre Gefühle mit ihr; andere sind feindselig, distanziert oder wollen sie nicht treffen. Ein Mann gibt sowohl Vicentinas Sohn als auch Vicentina selbst die Schuld an der Tragödie. Ein älteres Ehepaar bittet sie hingegen um Geld als Entschädigung für seinen Verlust. Vicentina gibt ihnen, was sie kann – ein Augenblick, der auf eine Form der Solidarität verweist, die über die unmittelbare Katastrophe hinausreicht.

Der Blick des Films weitet sich allmählich von der persönlichen Trauer auf das Leben der Menschen aus, denen Vicentina begegnet. Sie sind überwiegend Schwarz und stammen aus bescheidenen Gemeinschaften am Stadtrand. Ihre Verbindungen werden durch Gesten und gemeinsame Lebensumstände sichtbar, nicht nur durch die Trauer. Die Besuche offenbaren Bruchstücke einer größeren, unausgesprochenen Geschichte, die sie miteinander verbindet.

Martins wendet sich von dem Glück ab, das „Marte Um“ geprägt hat, und erzählt eine Geschichte, die von Schmerz durchdrungen ist. Vicentinas Leid wird durch den Gesichtsausdruck der Schauspielerin und ihre Bewegungen mit einer Krücke vermittelt; die gedämpfte, gelb getönte Bildgestaltung des Films verstärkt seine düstere Stimmung. Ein sorgfältig komponierter Kontrast zwischen einer weißen Flasche und einem leuchtend gelben Gegenstand durchbricht jedoch für einen Moment die Totenglockenstimmung.

Der Film lässt offen, was die Trauer eines anderen Menschen lindern könnte, und deutet zugleich an, dass Trauer selbst weder einfach geteilt noch übertragen werden kann. Seine besondere Leistung besteht laut der Besprechung in der Intensität, mit der er Menschen und ihr Innenleben beobachtet und in den Begegnungen sowohl Not als auch Gemeinschaft entdeckt.

Quellen: Folha Ilustrada.