Igor Cosso erzählt, dass ihn die Lektüre des Drehbuchs zu „Cruise“ in seiner Küche zu Tränen rührte – zu einem Zeitpunkt, als ihm die Motivation für seine Schauspielkarriere fehlte. Der 35-jährige brasilianische Schauspieler hatte kurz zuvor das Fernsehen verlassen und suchte nach einem Projekt, das sein künstlerisches Interesse neu entfachen würde. Da erzählte ihm ein Freund von einem Londoner Monolog des schwulen Schauspielers Jack Holden, der ungefähr in seinem Alter ist.
Cosso bemühte sich um die Rechte, das Stück in Brasilien aufzuführen. Bevor er die Genehmigung erhielt, reichte er Holdens Agentur seinen beruflichen Werdegang ein. Die Produktion mit dem Titel „Cruise – Minha Última Noite na Terra“ („Cruise – Meine letzte Nacht auf Erden“) startete ihre Aufführungsreihe in Brasilien in Rio de Janeiro und soll am Samstag im Teatro Ruth Escobar in São Paulo zu sehen sein.
Das Stück, inszeniert von Orlando Caldeira und übersetzt von Rodrigo Nogueira, handelt von Jack, einem ehrenamtlichen Mitarbeiter einer LGBTQIA+-Telefonberatung, der einen Anruf von Michael Spencer entgegennimmt. Bei Michael wurde AIDS diagnostiziert; ihm bleiben Schätzungen zufolge noch vier Jahre zu leben. Er beschließt, in der Nacht des 29. Februar 1988 seine Ersparnisse in Londons Stadtteil Soho auszugeben. Danach springt die Geschichte zum Morgen: Michael lebt noch und muss sich mit der Aussicht auseinandersetzen, sein Leben fortzusetzen, nachdem er sich verabschiedet hat.
Cosso widerspricht der Vorstellung, Michaels Nacht habe ihm einen endgültigen Abschied ermöglicht. Er stellt sich vor, dass die Figur ihr Leben so gut wie möglich wiederaufgebaut hat, und beschreibt es als Privileg, älter zu werden, wenn man gezwungen war, sich immer wieder neu zu erfinden.
Tanz ist ein zentraler Bestandteil der Inszenierung und nicht bloß Begleitung. Cosso sagt, Clubs hätten LGBTQIA+-Menschen einen Ort geboten, an dem sie sich treffen und ein Gefühl der Zugehörigkeit erleben konnten – besonders in der Zeit vor dem Internet und den Dating-Apps. Während der AIDS-Epidemie, fügt er hinzu, konnte die Tanzfläche auch ein geschützter Ort sein, um Schmerz loszulassen und einfach zu tanzen.
Die 75-minütige Aufführung enthält Musik von Fabio und Fael Mondego, die sich an Synthie-Pop und House orientiert, sowie eine von Caldeira entwickelte Choreografie. Cosso wechselt zwischen Jack, Michael und anderen Figuren aus dem Nachtleben. Dabei trägt er ein von Tiago Ribeiro entworfenes Kostüm. Die Inszenierung nutzt einen dezenten Kostümeffekt, durch den Cosso schlanker wirkt, während Michaels Krankheit fortschreitet. Wie dieser Effekt erzielt wird, hat Cosso allerdings nicht verraten.
Das Stück nimmt auch Bezug auf den Film „Top Gun“ von 1986, um unterdrücktes Verlangen zu beleuchten und herkömmliche Vorstellungen von Männlichkeit infrage zu stellen. Cosso sagt, eine Szene mit Bezug auf den Film gehöre zu den anspruchsvollsten Momenten der Aufführung. Die Arbeit an „Cruise“ habe ihn dazu gebracht, mit dem Muster zu brechen, eine heteronormative Identität als Schutz zu präsentieren.
Die industriell anmutenden Geländer und Lichter des Bühnenbildners Vino Fragoso erinnern an die Form eines Virus und rahmen die Auseinandersetzung der Inszenierung mit Brasiliens öffentlichem Gesundheitssystem SUS sowie mit der Notwendigkeit, die Erinnerungen an die Epidemie zu bewahren. Cosso sagt, die Geschichte auf der Bühne erneut aufzugreifen könne jüngeren Generationen helfen, die Vergangenheit zu verstehen und die erkämpften Rechte und Errungenschaften wertzuschätzen.
Quellen: Folha Ilustrada.